Transformationen antiker Denkweisen: Technologie, mentale Modelle und deduktives Schließen



 

Teilprojektleiter: Prof. Dr. Jürgen Renn (Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte)
 
 Wissenschaftliche Mitarbeiter: Pietro Daniel OmodeoDr. Antonio Becchi

 

Unterprojekt 1Transformationen des mechanischen Denkens von der Antike bis zum Beginn des mechanischen Weltbildes (Pietro Daniel Omodeo)
 
 Unterprojekt 2: Transformation des Verhältnisses von theoretischem und praktischem Wissen am Beispiel der Pneumatik der Renaissance (Antonio Becchi)

 

Anhand einer Gesamtdarstellung der Entwicklung theoretischer und praktischer Mechanik von der Antike bis zur Entstehung des mechanischen Weltbildes analysiert das Teilprojekt Prozesse, die mit der Transformation von Wissen einhergehen.


 In der ersten Projektphase wurden am Beispiel zentraler Begriffe der Mechanik (Gewicht, Bewegung und Kraft) begriffliche Strukturveränderungen antiken Wissens als Folge seiner Tradierung exemplarisch untersucht, um auf dieser Grundlage ein theoretisches Modell zu entwickeln, um das Zusammenwirken von technischem Wissen und der entstehenden theoretischen Mechanik als Entwicklungsprozess zu erfassen. Es konnte gezeigt werden, dass die Transformation antiker Naturphilosophie in das mechanische Weltbild der Frühen Neuzeit kein rein innertheoretischer Prozess war, sondern durch die im Zusammenhang damaliger Schlüsseltechnologien (Artillerie, Bauwesen, Schiffbau, Konstruktion von Bewässerungssystemen) gewonnenen Erfahrungen wesentlich geprägt wurde.
 
 Das Hauptaugenmerk der zweiten Projektphase liegt daher auf der Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem im Bereich technologischer Anwendung gewonnen praktischen Wissen und theoretischem Wissen, wie es in den seit der Antike entwickelten Theoriegebäuden aufgehoben ist.  Dieser Frage wird in zwei Unterprojekten nachgegangen.


 Im Unterprojekt 1 soll untersucht werden, in welcher Weise die frühneuzeitliche Anwendung antiker theoretischer Deutungsmuster auf neue ›herausfordernde Objekte‹ diese Deutungsmuster transformiert hat. Die meisten der ›herausfordernden Objekte‹, wie z.B. das Pendel oder die Form der Geschossbahn, denen sich die frühneuzeitlichen Gelehrten zuwandten, haben ihren Ursprung in der zeitgenössischen Technologie. Es soll ein Ansatz entwickelt werden, der es erlaubt zu verstehen, wie die im Umgang mit diesen Objekten in einem technologischen Zusammenhang gewonnenen praktischen Erfahrungen die Transformation des theoretischen Wissens bedingt und beeinflusst haben. Zugleich soll untersucht werden, welche Rolle der sich herausbildende neue Typus des Ingenieur-Wissenschaftlers in diesem Prozess gespielt hat, welcher sowohl mit den praktischen Problemen der Technologie ver- und betraut war, als auch Kenntnis der mechanischen Theorien seiner Zeit besaß. 
 
 Im Unterprojekt 2 wird ein Bereich des praktischen Wissens, der als Demonstration höchster technischer Leistungsfähigkeit in der Frühen Neuzeit im Zentrum höfischer Aufmerksamkeit stand, untersucht: die pneumatische und hydraulische Technologie. Sie bildete in der Antike und dann in neuer Weise in der Frühen Neuzeit eine Herausforderung für das theoretische Verständnis der Mechanik. Pneumatische Maschinen boten bereits in der Antike den Anlass für theoretische Interpretationsversuche, die neben Überlegungen zur Konstitution der Materie und der Natur der Wärme auch eigenständige Erklärungsprinzipien für die Hydrostatik umfassten. Allerdings konnten solche Erklärungsversuche der technologischen Komplexität der tatsächlich realisierten Maschinen nur bedingt gerecht werden.
 
 Um das Spannungsverhältnis zwischen technischem und theoretischem Wissen in der Renaissance im Vergleich zur antiken Situation bestimmen zu können, soll untersucht werden, wie das antike technische Wissen selbst überliefert und transformiert wurde. In Fortführung der bereits durchgeführten Analysen von Textquellen, etwa von frühneuzeitlichen Übersetzungen und Kommentaren zu Herons Pneumatik, sollen in der zweiten Förderphase die Art und Funktionsweise der pneumatischen Maschinen der Renaissance und ihre Zusammenhänge mit der frühneuzeitlichen theoretischen Pneumatik untersucht werden, wie sie in den Werken von Ingenieuren und Mathematikern ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zum Ausdruck kommen.