01.06.12
Einladung zum siebten Dionysos-Arbeitsgespräch des Teilprojekts B8 Der differente Gott
1. und 2. Juni 2012
10.05.12
Tagung - "Zwischen Ereignis und Erzählung"
Konversion als Medium
der Selbstbeschreibung
in Mittelalter
und Früher Neuzeit
04.02.12
Neuerscheinung
Transformation -
Ein Konzept zur Erforschung kulturellen Wandels
Hartmut Böhme, Lutz...
Projektbeschreibung (Langfassung)
I. Der Sonderforschungsbereich 644 "Transformationen der Antike"
Der seit dem 1.1.2005 arbeitende SFB 644 vereint derzeit elf sozial- und geisteswissenschaftliche Fächer der Humboldt-Universität zu Berlin sowie je eines der Freien Universität Berlin und des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte in 16 Projekten mit knapp 60 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus insgesamt fünf Fakultäten. Diese sind in vier Arbeitsgruppen vernetzt, die das interdisziplinäre Herzstück des SFBs bilden und dem Ziel dienen, die konstatierte Sektoralisierung der Antikeforschung zu überwinden. Für die zweite Frderphase wurden folgende Arbeitsgruppen etabliert:
1. Transformations-Experimente
2. Verwissenschaftlichung der Antike
3. Innovation und Imagination in Transformationen
4. Narration, Reflexion und die Grenzen des Wissens
Neben der Forschungsarbeit in den Teilprojekten und den Arbeitsgruppen stellt die Nachwuchsförderung einen besonderen Schwerpunkt des SFBs dar, der hierfür seit Januar 2009 für die Doktorandinnen und Doktoranden ein "Integriertes Graduiertenkolleg" (IGK) eingerichtet hat.
Sprecher des Sonderforschungsbereichs ist Prof. Dr. Johannes Helmrath (Institut für Geschichtswissenschaften). Zum Vorstand des SFB gehören daneben Prof. Dr. Hartmut Böhme (Institut für Kulturwissenschaft), Prof. Dr. Verena Lobsien (Institut für Anglistik und Amerikanistik), Prof. Dr. Andrea Polaschegg (Institut für deutsche Literatur) sowie als Vorstände des IGK Prof. Dr. Werner Röcke (Institut für deutsche Literatur) und Eva Hausteiner. Finanziert wird der SFB durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG).
II. Forschungsprogramm
Das Ziel des SFB 644 "Transformationen der Antike" ist die interdisziplinäre Kontextualisierung der produktiven Aneignungen und Transformationen antiker Wissenschaften und Künste in den nachantiken Epochen. Untersucht wird die vom Ende des Altertums bis in die Gegenwart reichende Herausbildung des Wissenschaftssystems und der kulturellen Selbstkonstruktion der westlichen Gesellschaften.
1. Voraussetzungen
2. Programm
3. Schwerpunkte
4. Transformationsbegriff
1. Voraussetzungen
Der SFB 644 geht von der Voraussetzung aus, dass sich die europäischen Kulturen, ihre Künste und Wissenschaften in Fortführung und Transformation der antiken Kulturen gebildet haben: Europas Ursprung liegt kulturgeographisch und historisch im mediterranen Raum. Die Ausdifferenzierung der Künste und Wissenschaften ist ohne die antiken Grundlagen undenkbar. Ästhetiken, Kulturtechniken und Medien, Mentalitäten und Lebensstile, Wirtschafts-, Staats- und Politikformen, Rechtsverfahren, religiöse und ethische, aber auch nationale Leitbilder und Identitäten, wie sie sich bis heute entwickelt haben, wären ohne die dauerhaften Auseinandersetzungen mit den antiken Kulturen nicht entstanden. Hier bildeten sich in jahrhundertelangen Prozessen die Voraussetzungen Europas, die später bis in die Kolonien der Neuen Welt getragen wurden und heute neben Europa auch andere Teile der "westlichen Welt", wie etwa die Vereinigten Staaten, prägen. Antike Kulturen mögen als politische Reiche untergegangen sein: Als Referenzebenen kultureller Selbstkonstruktionen und vermittelt über eine Reihe von Renaissancen und Transformationen sind sie bis heute lebendig.
Auf der Basis des jeweiligen Wissensstandes prägten die Antike-Bilder die europäischen Kulturperioden (Mittelalter, Renaissance, Barock, Aufklärung, Romantik, Historismus, Moderne) wie die Naturwissenschaften (Geographie, Biologie, Metrologie, Astronomie, Mechanik, Physik, Chemie). Sie wurden aber auch für Alltagsformen kultureller Repräsentation wirksam (Sammlungen, Repliken, Landschaftsgärten, Schlösser, Museen, Theater, Film, Comics, Werbung etc.).
Eine methodische Grundannahme ist außerdem, dass es einen unmittelbaren Zugang zur "Antike selbst" nicht gibt noch je gegeben hat. Stets hatte und hat man es mit vermittelten Überlieferungen, Transfers und Transformationen der antiken Gesellschaften zu tun. Zudem sind die Wissenschaften, Kunst-, Kultur- und Lebenstechniken der Antike nur in Bruchstücken einstiger Fachliteratur, als Hintergrund der klassischen Autoren und Künstler bzw. als materiale Hinterlassenschaft greifbar. Daher war es das primäre Ziel des Antike-Studiums seit dem frühen Mittelalter, die Relikte der antiken Literatur und Philosophie, die Bruchstücke einstiger Wissenschafts- und Fachliteratur sowie die erhaltenen Monumente materialer Kultur und Kunst zusammenzutragen und mit der eigenen Erfahrungswelt zu verbinden. Die Resultate dieser Sammlungs- und Deutungsarbeit waren dann wieder geeignet, auf neue Konstruktionen einzuwirken, und zwar Konstruktionen sowohl der Antike als auch der jeweiligen Gegenwart. Diese wechselwirkenden Prozesse von Entdeckung und Transformation, von Imagination, Idealisierung und kritischer Überwindung wiederholten sich von Generation zu Generation und dauern bis in unsere Zeit an.
2. Programm
Die Untersuchungsfelder des SFB 644 erstrecken sich von der Spätantike und dem Mittelalter über die Frühe Neuzeit, die Aufklärung und das 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Diese Ausrichtung auf die longue durée von kulturellen Evolutionen beruht auf zwei Überzeugungen: Zum einen sind die christliche Kultur wie die europäischen Wissenschaften und Künste ohne die antiken Kulturen nicht begreifbar; zum anderen bilden sich die Ideen und Konzepte antiker Kulturen selbst erst im Effekt der Transformationsgeschichte der Antike.
Vor diesem Hintergrund ergibt sich für die Arbeit des SFB 644 ein umfangreiches Feld von Fragestellungen. Erwartet werden dabei neue Einsichten in die Entstehung und Ausdifferenzierung der Natur- wie der Humanwissenschaften, der Künste und Medien, aber auch der Selbstkonstruktion der jeweiligen Rezeptionskulturen.
Da Kulturen keine naturhaften Gegebenheiten darstellen, wird in den Untersuchungen des SFB gerade der Aspekt der "Kulturkonstruktion" betont. Leitend sind darum zwei Gesichtspunkte: In den Rezeptionszeugnissen wird zum einen die "Antike" allererst hervorgebracht, wobei die "antike Kultur" zunehmend ausdifferenziert, im Quellen- und Monumentenbestand angereichert, in den Interpretationen und Bildern heterogener und pluraler wird. In diesen Transformationen der Antike konstruieren sich zum anderen die Rezeptionskulturen selbst: Indem die Antike zum privilegierten oder polemischen Objekt von Wissensprozessen, künstlerischen Adaptionen und ideologischen Aushandlungen wird, funktioniert das dabei entworfene Antike-Bild als Selbstartikulation der jeweiligen Aufnahmekultur.
In den spätantiken, mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Projekten werden Neubewertungen angestrebt, die das Verhältnis der als heidnisch geltenden Antike zum christlichen Rezeptionshintergrund bestimmen. In den wissenschaftlichen, antiquarischen und künstlerischen Aneignungen der Antike zeigen sich charakteristische Brüche, Übernahmen oder Transformationen, die auf die reflektierte Wahrnehmung der nicht-reduzierbaren Alterität und Fremdheit der Antike hin untersucht werden.
Der SFB 644 untersucht ferner nicht nur Inhalte der Rezeption, vielmehr werden die jeweiligen Repräsentationen der Antike ebenso wie die Rezeptionsprozesse selbst unter dem Gesichtspunkt ihrer Medialität untersucht. Transformationen der Antike sind an bestimmte Medien und ihre Leistungen gebundene Akte, sie sind stets sowohl medial verfasst als auch medial vermittelt.
Obwohl die Antike wie auch ihre Rezeption intensiv erforscht wurden, so geschah dies bislang zumeist in einzelwissenschaftlicher Isolierung. Es fehlt, hierzulande wie international, an einer interdisziplinären und systematischen Erforschung der produktiven Transformationen antiker Wissenschaften und Künste in den europäischen Nachfolge-Gesellschaften. Dieses Desiderat versucht der SFB zu füllen: So stellen Antike-Forschung, europäische Kultur- und Kunstgeschichte sowie Wissenschaftsgeschichte im SFB 644 ein interdisziplinäres Geflecht dar. Das übergreifende Ziel ist es daher auch, die Einzelanalysen zu einem neuen Bild der grundlegenden Rolle zusammenzufügen, welche die antiken Wissenschaften und Künste bei der Herausbildung mittelalterlicher, frühneuzeitlicher und moderner Disziplinen, der Künste und Literaturen, der kulturellen Leitbilder und Praktiken gespielt haben.
3. Schwerpunkte
Innerhalb des skizzierten Rahmens werden folgende Schwerpunkte gesetzt. Sie dienen dazu, die Teilprojekte miteinander zu vernetzen und werden vor allem von den interdisziplinären Arbeitsgruppen untersucht.
a) Transformations-Experimente
Der SFB 644 geht über traditionelle Modelle von Rezeption, Wirkung, Nachleben, Einfluss u.ä. hinaus. Das Leitkonzept "Transformation" bezieht sich auf die pragmatischen, institutionellen, semantischen, zunehmend auch reflexiven Ausdifferenzierungen der europäischen Kulturen sowohl in ihrer zeitlichen Dynamik wie in ihrer räumlichen Lokalisierung und Diffusion. Transformation meint einen stets dreigliedrigen Prozess: Er bedeutet zuerst, dass das Objekt "Antike" nicht feststeht oder feststellbar ist, sondern in den Medien der Rezeption stets neu hervorgebracht, ja auch "erfunden" und dabei fortlaufend verändert und differenziert wird; er bedeutet zweitens, dass der Akt der Rezeption nicht als bloße Auf- oder Übernahme, als Einschreibung, Verzeichnung oder imitatio, sondern stets auch als ein konstruktives Handeln zu verstehen ist, das eigenen, zeit- und kulturtypischen Regeln und Antrieben folgt; und er bedeutet drittens, dass die Rezeptionskulturen in ihrem Antikeverständnis stets ein Selbstverhältnis miterzeugen, wodurch kulturelle Identitätsprofile und Reflexivitätspotentiale ausdifferenziert werden.
b) Verwissenschaftlichung der Antike
Der SFB 644 untersucht die Frage, inwieweit antike Objekte oder Texte als Träger, Medien, Codes, Archive eines charakteristischen Wissens funktionierten, durch das Bilder, Kenntnisse und Diskurse der Antike geprägt wurden und worin sich Wissensdisziplinen und Kunstformen vorbereiteten oder festigten. 'Wissen' wird dabei weit gefasst, so dass auch Kunstwerke oder Kulturpraktiken, massenmediale Popularisierungen, Mentalitäten und Ideologien, Idealisierungen, Experimente und Übersetzungen, aber auch soziale Gruppen (z.B. neue Eliten) und materiale Objekte (Skulpturen, Gärten und Schlösser) als Wissensträger oder Wissensmedien gelten. Wissenschaftsgeschichte wird dabei nicht nur als Fortschrittsgeschichte verstanden. Vielmehr wird Wissenschaft auch als die Geschichte einer historisch charakteristischen Wissenspraxis rekonstruiert, deren Verfahren vielfältig mit kulturellen, ästhetischen und materiellen Prozessen verbunden sind und auf diese zurückwirken. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf den Prozessen der Verwissenschaftlichung, die seit dem beginnenden 19. Jahrhundert im Umgang mit der Antike zu beobachten sind. Hierbei wird Antike einerseits zunehmend selbst zum Gegenstand wissenschaftlicher Erforschung, andererseits wird aber auch der Umgang mit solchen Wissensfeldern transformiert, die bereits in der Antike als "wissenschaftlich" galten oder - im Gegenteil - erst nach der Antike den Rang von Wissenschaften erhielten.
c) Innovation und Imagination in Transformationen
Im Mittelpunkt dieses Arbeitsschwerpunktes steht die Frage, in welchen historischen Verhältnissen und unter welchen Bedingungen im Feld der Antiktransformation genuin "Neues" kreiert wurde, es also zu Innovationen im engeren Sinne gekommen ist. Dabei liegt ein besonderer Akzent auf der Rolle der "Imagination". Beide stehen in Spannung zu Momenten des Widerstands und der Trägheit. Widerständige Kräfte sind etwa pagane Volksfrömmigkeit gegenüber der interpretatio Christiana oder die christliche Kosmologie auf aristotelisch-ptolemäischer Grundlage gegenüber dem physikalischen Geltungsanspruch der kopernikanischen Reform. Widerstände gegen Neues können im Namen der Antike, unter Berufung auf einen verfemten, nun aber beanspruchten Sektor der Antike, oder gegen die Antike durch Berufung auf eine Geltungsmacht anderer Provenienz entstehen. Im Zentrum steht die Frage, was "das Neue" eigentlich ist und wie es im Zeichen der Antike emergiert. Wie sieht die jeweilige Referenzantike aus? Welcher Status und welche Funktion kommen der "Evidenz" als einer der Bedingungen der Wahrnehmbarkeit des Neuen und einer Technik seiner Plausibilisierung zu? Zur Beantwortung dieser Fragen werden exemplarisch Prozesse wie die Genese des neuzeitlichen Staates, verschiedene Formen von "Metamorphose" oder die Entstehung des literarischen Modus der Pastorale untersucht.
d) Narration, Reflexion und Grenzen des Wissens
"Narration" wurde, als Wissensform sui generis, insbesondere in der Literatur und Historiographie, aber auch in der Kunst - etwa dem Historienbild oder der skulpturalen oder malerischen Präsentation mythischer Figuren - entwickelt, um Wissen von der Antike zu präsentieren. Sie ist eines der langlebigsten Genres der Antiketransformation. Episches und romanhaftes Erzählen, historiographisches Schreiben und künstlerisches Darstellen bediente sich mit Selbstverständlichkeit narrativer Modelle, wobei bei der Untersuchung die deutlichen medialen Unterschiede zu berücksichtigen bleiben. Ein zweiter, zentraler Aspekt dieses Arbeitsschwerpunkts bilden die "Grenzen des Wissens": Sie sind für die Erweiterung, Dynamisierung und Intensivierung, aber auch für die innere Strukturierung und Spezialisierung verschiedener Wissensordnungen besonders förderlich. Das erklärt sich nicht zuletzt aus Sinn und Funktion der Grenzen selbst. Denn Grenzen wirken nicht nur trennend. Sie scheiden nicht nur das Eigene und das Fremde, sondern sind auch durchlässig und überschreitbar. Dabei sind gerade die Austauschprozesse zwischen den - für eine bestimmte Zeit - hegemonialen und ausgegrenzten, kanonischen und apokryphen Wissenstypen für die Erweiterung und Innovation des Wissens aufschlussreich.
Im Mittelpunkt steht die Frage, auf welche Weise die Produktivität von Grenzen in literarischen oder historiographischen Texten z. B. für politisches Raumordnungsdenken, in Gartenanlagen oder anderen künstlerischen Formen erprobt und reflektiert, narrativ umgesetzt und genutzt wird. Dabei sind neben den narrativen Oberflächenstrukturen vor allem die funktionalen Strukturen historischer Erzählungen von Bedeutung: Beide sind für die erzählerische Konstruktion und Transformation von Antike, die sich fortgesetzt im Spannungsverhältnis von Fakten und Fiktionen vollzieht, konstitutiv. Untersucht werden soll außerdem, inwiefern kulturelle Narrative als wichtige Instrumente bei der Errichtung intellektueller Abgrenzungen und der Förderung oder Disqualifikation von Wissensbeständen angesehen werden können.
4.Transformationsbegriff
Transformationen sind als komplexe Wandlungsprozesse zu verstehen, die sich zwischen einem Referenz- und einem Aufnahmebereich vollziehen. Dabei modifizieren sie im Akt der Aneignung nicht nur die Aufnahmekultur, sondern konstruieren insbesondere auch die Referenzkultur. Diese enge Beziehung von Modifikation und performativer Genese ist wesentliches Merkmal transformatorischer Prozesse, die sowohl synchron als auch diachron verlaufen können. Mehrere aufeinander aufbauende Transformationen können dabei eine Transformationskette bilden.
Transformationen generieren also Dynamiken der kulturellen Produktion, in denen immer auch das verändert wird, was der Transformation voraus liegt, worauf sie sich reflexiv bezieht und was erst im Laufe der Transformation spezifiziert wird. Diese Prozesse sind somit nicht unilinear, sondern durch Verhältnisse der Interdependenz gekennzeichnet: Transformationen sind bipolare Konstruktionsprozesse, in denen die beiden Pole einander wechselseitig konstituieren und konturieren. Diesen spezifischen Aspekt produktiver Wechselseitigkeit von Referenz- und Aufnahmekultur bezeichnen wir als Allelopoiese, abgeleitet vom griechischen allelon ("gegenseitig", "reziprok") und poiesis ("Schöpfung", "Werk").
Daraus folgt, dass es im Transformationsprozess keine konstanten Entitäten gibt, die unverändert gleichsam durchgereicht werden. Input und Output von Transformation sind vielmehr als sich wechselseitig hervorbringende, performative Elemente zu verstehen, die durch die jeweiligen Kontexte der Referenz- und Aufnahmekultur bedingt sind.
Grundsätzlich ist jede Transformation durch einen Referenzbereich und einen Aufnahmebereich gekennzeichnet. Aus dem Referenzbereich wird ein Aspekt selegiert, wobei diese Auswahl bereits eine Konstruktion darstellt. Transformationen erzeugen dabei sowohl Veränderungen des Referenzbereichs wie des Aufnahmebereichs. Sie führen dadurch zu "Neuem" im doppelten Sinn, nämlich zu Neufigurationen sowohl innerhalb der Referenz- wie innerhalb der Aufnahmekultur.
Die kulturellen Inhalte des Referenzbereichs bilden den Gegenstand der Transformation. Sie haben nicht notwendig materiellen Charakter, sondern können auch struktureller oder semantischer Art sein. Sie sind einerseits durch eine charakteristische Widerständigkeit und Fremdheit geschlossen, andererseits aber durch Prozessualität sowie formale und semantische Offenheit gekennzeichnet. Dieses Verhältnis von Konstanz und Offenheit bestimmt den Spielraum der Transformation. Funktion und potentielle Wirksamkeit des Gegenstands der Transformation sind auch an dessen spezifische Einbettung in einen Referenzbereich gebunden. Dessen strukturelle Repertoires und Formbest�nde dienen dabei nicht nur als Anknüpfungspunkt für Transformationen, sondern können diese auch selbst generieren und strukturieren.
Auch der "Aufnahmebereich" verfügt über formale und strukturelle Repertoires, die Auswahl und Aneignung der Inhalte des Referenzbereichs bestimmen. Transformation umfasst in gleicher Weise die (Re-)Konstruktion des Referenzbereichs wie auch die Konstruktion des Aufnahmebereichs. Dieser Aspekt der Selbstreferenz kann reflektiert werden als Zusammenspiel von "Eigenem" und "Fremdem", er kann aber auch als uneingestandene Projektion oder Identifikation in die Transformation eingehen. Hierbei wird der Aufnahmebereich zwangsläufig modifiziert.
Initiiert werden Transformationsprozesse von einem oder mehreren "Agenten". Dabei muss es sich nicht notwendig um Personen, sondern es kann sich auch um Kollektive, Institutionen oder sogar Artefakte handeln, denen eine wirkende Kraft (agency) zukommt oder zugeschrieben wird. Der Regelfall ist, dass der Agent in seinem Zugriff auf den Referenzbereich den Gegenstand der Transformation konturiert, ohne allerdings den gesamten Transformationsprozess kontrollieren zu können. Auch besteht die Möglichkeit, dass Agenten untereinander in Interaktion oder in Konkurrenz treten.
Bei jeder Transformation kommt den Medien (Text, Bild, Zahl, aber auch Gattung oder Material) eine besondere Bedeutung zu, insofern sie keine neutralen Informationsträger oder übertragungskanäle sind. Vielmehr prägen Medien mit ihren spezifischen Vorgaben sowohl die Gegenstände des Referenz- als auch des Aufnahmebereichs und beeinflussen damit den Transformationsprozess entscheidend. Gleiches gilt für die Techniken der Bezugnahme und des Gebrauchs (Schreiben, Malen, Interpretieren, Experimentieren, Bauen, Aufführen, etc.), die den pragmatischen Rahmen der Transformation abstecken. Historisch im Aufnahmebereich gebunden, wirken diese Kulturtechniken gleichwohl gestaltend auf den Referenzbereich zurück und können sich auch selbst im Prozess der Transformation verändern.
Wesentlich für die wissenschaftliche Beobachtung von Transformation ist die methodisch reflektierte und distanzierende Unterscheidung von Aufnahme- und Referenzbereich, welche die Untersuchung leitet. In dem Maße, wie wissenschaftliche Beobachter ihr Untersuchungsmaterial auswählen, anordnen, und befragen, werden sie allerdings selbst wiederum zu Agenten weiterer Transformationen. Auch im wissenschaftlichen Zugriff werden somit Kulturen konstruiert - nicht nur die fremden, sondern auch die jeweils eigene.
