Quellen der Normativität: Antike Ansätze und ihre Transformationen in der Gegenwart
Teilprojektleiter:
Prof. Dr. Christof Rapp,
Prof. Dr. Thomas Schmidt (Institut für Philosophie)
Wissenschaftliche Mitarbeiter/innen:
Dr. Philipp Brüllmann,
Anne Burkard,
Benjamin Kiesewetter,
Prof. Dr. Christoph Helmig (kooperiert),
Dr. Klaus Corcilius (kooperiert)
Unterprojekt 1: Natur (Dr. des. Philipp Brüllmann)
Unterprojekt 2: Intuition (Anne Burkard)
Unterprojekt 3: Deliberation (Benjamin Kiesewetter)
In der ethischen Diskussion der letzten Jahrzehnte wurde es üblich, auf Ideenbestände der Antike zurückzugreifen, um die vorherrschende Moralphilosophie zu kritisieren und neue systematische Konzeptionen zu entwickeln. Das Teilprojekt untersucht verschiedenartige Transformationen, die antike Ethikmodelle im Zuge dieser Adaption an Fragen der gegenwärtigen Ethik durchlaufen. Innerhalb dieser allgemeinen Fragestellung werden besonders unterschiedliche Theorien über Quellen der Normativität untersucht, die unter Rückgriff auf die Antike entwickelt und verteidigt werden.
Unterprojekt 1: Natur
In den gegenwärtigen Debatten um die Rechtfertigung moralischer Normen gibt es eine einflussreiche Strömung, die versucht, den Begriff der menschlichen ›Natur‹ als Grundlage dieser Rechtfertigung zu etablieren. Die Einsichten in das ›spezifisch menschliche Leben‹ sollen einerseits eine Basis zur moralischen Beurteilung menschlichen Handelns bieten; andererseits sollen sie dabei helfen, die normative Kraft moralischer Normen zu erklären. Bei der Ausarbeitung ihrer ›naturalistischen‹ Theorien greifen gegenwärtige Autoren nicht nur auf Elemente der antiken Ethik zurück; die systematischen Positionen werden sogar auffallend oft als Interpretationen antiker Texte eingeführt, wobei vor allem das so genannte ›ergon-Argument‹ des Aristoteles eine entscheidende Rolle spielt. Die mit diesem Rückgriff verbundenen Transformationsprozesse sind Gegenstand des ersten Unterprojekts. Dabei wird sich die Untersuchung an vier thematischen Schwerpunkten orientieren: (i) Überblick über den Naturalismus der antiken Ethik: Welche Rolle spielt der Rückgriff auf die Natur (physis) in den unterschiedlichen Ansätzen? (ii) Zusammenhang zwischen argumentativer Funktion und inhaltlicher Bestimmung des Naturbegriffs: Welche Eigenschaften muss ›Natur‹ aufweisen, damit sie die ihr zugedachte Rolle als Quelle von Normativität erfüllen kann? (iii) Naturalismuskritik und Einbettung in die ethische Theorie: Inwiefern sind moderne naturalistische Ansätze von Fragestellungen der zeitgenössischen Ethik geprägt, die sich eventuell von denen der antiken Ethik unterscheiden? (iv) Beurteilung des ergon-Arguments: Wie wirkt sich die systematische Wiederbelebung des Aristotelischen ergon-Arguments auf dessen Interpretation aus?
Unterprojekt 2: Intuition
Das Unterprojekt untersucht neuere Ansätze zu moralischen Intuitionen als ›Quelle der Normativität‹, die in ihrer Theoriebildung auf Theoreme aus der antiken Philosophie zurückgreifen. Diesen Ansätzen gemeinsam ist die Überzeugung, dass moralische Intuitionen eine zentrale Instanz für die Rechtfertigung moralischer Urteile darstellen, auch wenn Intuitionen recht unterschiedliche Rollen zugeschrieben und sie mit verschiedenen antiken Konzepten in Verbindung gebracht werden: Beispielsweise sehen einige es als Stärke ethischer Theorien an, wenn sie vortheoretischen Überzeugungen, im Sine von ›verlässlichen Intuitionen‹, gerecht werden können – ein Charakteristikum, das sich auch im aristotelischen Rückgriff auf anerkannte Meinungen (endoxa) findet. Anderen Ansätzen liegt ein Verständnis von Intuitionen zugrunde, das diese mit der Fähigkeit der angemessenen Situationswahrnehmung, wie sie in der aristotelischen Ethik mit der Tugendhaftigkeit des phronimos einhergeht, in Verbindung bringt. Schließlich wird Intuition auch als eine intellektuelle Fähigkeit zur apriorischen Einsicht in das Richtige und Gute verstanden, womit das Konzept in die Nähe der platonischen Ideenschau rückt. Gegenstand des Unterprojekts ist zum einen, die Transformationen zu untersuchen, denen Elemente der antiken Ethik in gegenwärtigen intuitionistischen Ansätzen unterzogen werden. Zum anderen sollen derartige Rückgriffe hinsichtlich der systematischen Rolle bewertet werden, die ihnen innerhalb des jeweiligen Begründungsansatzes für moralische Urteile zugeschrieben wird.
Unterprojekt 3: Deliberation
Neben der menschlichen Natur und dem intuitiven Erkenntnisvermögen ist die praktische Vernunft ein dritter zentraler Bezugspunkt für die gegenwärtige Debatte um die so genannten Quellen der Normativität. Die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einsetzende und bis heute anhaltende Diskussion um praktische Überlegungen entsteht dabei nicht zuletzt in Auseinandersetzung mit Aristoteles, in dessen Theorie viele eine systematische Alternative zu humeanischen und kantianischen Konzeptionen praktischer Vernunft sehen. Im Unterprojekt »Deliberation« soll untersucht werden, für welche Positionen der gegenwärtigen Debatte Elemente der aristotelischen Theorie brauchbar gemacht werden, welche Transformationen sie dabei erfahren und wie der jeweilige Rückgriff auf die Antike systematisch zu beurteilen ist. Folgende Kontexte stehen dabei im Zentrum der Untersuchung: (i) Die Debatte über instrumentalistische vs. rationalistische Konzeptionen praktischer Überlegungen; (ii) die Debatte über interne und externe Handlungsgründe; (iii) Konzeptionen, die praktische Deliberation als menschliche Selbstgestaltung deuten; (iv) Auseinandersetzungen über die Form praktischer Überlegungen.
