Materialität, aisthesis, Transzendenz. Neuplatonisch-naturalistische Konfigurationen im England des 17. Jahrhunderts



 

Teilprojektleiterin: Prof. Dr. Verena Lobsien (Institut für Anglistik und Amerikanistik)

Wissenschaftliche Mitarbeiter/innen: Dr. Lutz Bergemann, Dr. des. Cornelia Wilde., Prof. Dr. Wolfram Keller (kooptiert), PD Dr. Claudia Olk (Grundausstattung), Dr. Wiebke-Marie Stock (kooptiert), Dr. Gaby Mahlberg (kooptiert)

 

Unterprojekt 1: Korpuskularistische Naturphilosophien – Transformation, Entwicklung und neuplatonische Hybridisierung des Naturalismus in der englischen Philosophie der Frühen Neuzeit (Dr. Lutz Bergemann)

Unterprojekt 2: Im Garten. Neuplatonisch-epikureische Kultivierungen des Natürlichen in Literatur und Musik des 17. Jahrhunderts (Cornelia Wilde)

 

In direktem Anschluß an die Untersuchung von Modellierungen des Neuplatonismus in der englischen Renaissance- und Restaurationskultur konzentriert sich das Teilprojekt in der zweiten Antragsphase verstärkt auf das 17. Jahrhundert und nimmt das Konfigurationselement in den Blick, zu dem die Spannung am größten erscheint: den zeitgenössischen Materialismus als Transformation des antiken Epikureismus. Dieser erscheint unter wissenschaftlich-ästhetischem Doppelaspekt als Atomismus und als naturalistischer Libertinismus, zugleich als Produkt einer Interaktion mit seinem stärksten Antagonisten – einer neuplatonischen Metaphysik.

Die Arbeit der ersten Förderphase konzentrierte sich auf die Erforschung frühneuzeitlicher Platonismen in England. Sie konnte zeigen, daß das Neuplatonische sowohl im gelehrten Schrifttum als auch in alltagskulturellen und poetischen Texten eine Funktionalität eigener Art entfaltet. Die gemeinsame Forschung zu den Schriften der Cambridge Platonists, zu Texten ›seraphischer‹ Freundschaft wie zu Poesie und literarischer Prosa der Epoche führte auch zu der Einsicht, daß die untersuchten Konfigurationen oftmals eine überraschende Kehrseite aufweisen: Sie treten nicht selten zusammen mit Versionen des zeitgenössischen Materialismus und Naturalismus auf, die sich ihrerseits als Transformationsprodukte des antiken Epikureismus erweisen.

In der zweiten Phase erkundet das Projekt nun, welcher Art die Prozesse sind, die im 17. Jahrhundert – vor der doppelten Frage nach der Wahrheit und nach dem guten Leben – zu gerade diesen Konfigurationen auf den ersten Blick ausgesprochen antagonistischer Bestände führen; wie die relevanten Transformationen genealogisch, von ihren Repräsentanten und Medien her zu beschreiben sind; zu welchen kulturellen, wissenschaftlichen und textuellen Erzeugnissen sie führen und welche Funktionen diese wechselseitigen Alterierungen in wissenschafts- wie konfessionspolitischer, kulturell-ästhetischer und näherhin literarischer Hinsicht erfüllen. Wie gehen Transzendenz und Materialität, Metaphysik und naturalistischer Libertinismus zusammen? Wie läßt sich die kulturelle Imagination charakterisieren, die hier am Werk ist? Bei dieser Untersuchung neuplatonisch-naturalistischer Interaktionen ist zu erwarten, daß sich die Spannung und die Abstoßungskräfte zwischen den Interaktanten in Referenz- und Aufnahmebereich verstärken. Das Teilprojekt wird daher insbesondere auf der Ebene transformierender Prozessualität nach Verschränkungen des Gegensätzlichen Ausschau halten. Ihnen wird in zwei Unterprojekten nachgegangen, die jeweils die wissenschaftsgeschichtliche und die kulturell-ästhetische Dimension in den Vordergrund rücken: »Korpuskularistische Naturphilosophien – Transformation, Entwicklung und neuplatonische Hybridisierung des Naturalismus in der englischen Philosophie der Frühen Neuzeit« (Dr. Lutz Bergemann) und »Im Garten. Neuplatonisch-epikureische Kultivierungen des Natürlichen in Literatur und Musik des 17. Jahrhunderts« (Cornelia Wilde).