Strukturwandel der Alten Geschichte im 19. Jahrhundert
Teilprojektleiter: Prof. Dr. Wilfried Nippel (Institut für Geschichtswissenschaften)
Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen: Katja Wannack M.A., Kerstin Kaufmann M.A., Christiane Hackel M.A., Dr. Andreas Kohring (Grundausstattung)
Unterprojekt 2: Johann Gustav Droysens Antike im kulturellen Kontext ihrer Zeit (Christiane Hackel)
›Alte Geschichte‹ hat sich als (relativ) eigenständiges Fach mit so bezeichneten Lehrstühlen erst im späten 19. Jahrhundert herausgebildet; bis dahin gab es eine verwirrende Vielfalt von Denominationen, die zumeist von der individuellen Kompetenz der Forscher und den personellen Konstellationen in einer Fakultät abhingen. Der mit Niebuhr (als Akademiemitglied in Berlin und später als eine Art Honorarprofessor in Bonn) einsetzende, auf ›Quellenforschung‹, d. h. auf der Frage nach der Genese der antiken Traditionen aufbauende Verwissenschaftlichungsprozess vollzog sich in unterschiedlichen disziplinären Zusammenhängen.
Mittels einer exemplarischen Untersuchung der Œuvres von Wilhelm Wachsmuth (1784–1866), Johann Gustav Droysen (1808–1884) und Theodor Mommsen (1817–1903) sollen möglichst viele der Konstellationen erfasst werden, unter denen die griechisch-römische Antike im 19. Jahrhundert Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung wurde: in einer welthistorischen Perspektive, unter der sowohl die gesamte Antike thematisiert werden konnte, aber auch einzelne Zeitabschnitte besondere Präferenz genossen; unter dem Gesichtspunkt einer immer noch gegebenen Vorbildlichkeit oder als Teil der Vergangenheit der eigenen Kultur, deren Historisierung eine Rekonstruktion der Totalität der Antike oder einzelner Epochen erforderte; im Hinblick auf die paradigmatische Bedeutung der Alten Geschichte für den Wissenschaftscharakter der Historie; in Bezug auf das neu zu definierende Verhältnis zwischen den Darstellungsformen ›Geschichte‹ und ›Altertümer‹.
Die unterschiedlichen Positionen dieser Forscher lassen sich zum Teil biographisch, aus ihren Karriereverläufen und aus individuellen, lebensweltlich bedingten Wertentscheidungen verstehen, ihr Einfluss auf die Entwicklung der Althistorie im 19. Jahrhundert jedoch nur, wenn man sie nicht (wie im Falle von Mommsen und Droysen immer noch gängig) als einsame ›Gründungsväter‹ versteht, sondern sie in der jeweiligen Forschungslandschaft verortet, ihre Auseinandersetzungen mit Vorgängern und ›Konkurrenten‹ ebenso wie die (oft kontroversen) Reaktionen auf ihre Werke und damit auch die Bildung von Netzwerken umfassend erschließt.
Diese Einbettung in den jeweiligen zeitgenössischen Forschungsstand und disziplinäre ›Fraktionen‹ ist die methodische Grundlage des gesamten Teilprojekts, in dem durch die Untersuchungen zu diesen drei Wissenschaftlern und ihrem jeweiligen Forschungsumfeld wesentliche Aspekte des theoretischen, methodischen und wissenschaftsorganisatorischen Strukturwandels in der Alten Geschichte im 19. Jahrhundert herausgearbeitet werden sollen.
