Unterprojekt 2: Das Imperium Romanum im Dekadenzdiskurs (Marco Walter)
Als Urbild einer dekadent gewordenen Gemeinschaft hat sich das antike Rom bis heute in unseren Köpfen festgesetzt. Entsprechend bildet es die zentrale Bezugskategorie, wenn mit Rückgriff auf tatsächliche oder behauptete dekadente Erscheinungen Politik gemacht werden soll. Auf welch unterschiedliche Weise das Dekadenzmotiv dabei eingesetzt werden kann, wird schon sehr früh offenbar: Bereits in Rom selbst taucht es als republikanische Selbstkritik auf, indem die Abkehr von republikanischen Tugenden und ein innerer Wertezerfall beklagt werden. Diese Deutung wird aber schon kurze Zeit später umgedreht, als die Abschaffung der Republik und der Übergang zum Kaiserreich als Antwort auf die Frage gegeben werden, wie das Imperium trotz der Dekadenzdiagnose weiter bestehen kann. Es zeigt sich also, dass das Dekadenzmotiv praktisch von Beginn an nicht nur politische Wirkung entfaltet hat, sondern auch von gegensätzlichen Interessen instrumentalisiert wurde.
Diesem Spannungsfeld widmet sich das Unterprojekt 2 anhand des vergangenen) British Empire und der USA, mit ihrer jeweiligen Bezugnahme auf das große Vor- beziehungsweise Schreckbild Imperium Romanum. Diesbezüglich lassen sich drei Bereiche ausmachen, in denen der Dekadenzvorwurf und seine Gegenstrategien eine Bedeutung erlangen, die schließlich für die weitere Gestaltung der imperialen Politik ausschlaggebend ist: Vom politischen Standpunkt aus stellt sich erstens die Frage nach der Staatsform, die geeignet ist, Verfallserscheinungen aufzufangen oder zumindest hinauszuzögern. Zudem wirkt sich die Furcht vor einem äußeren Feind wesentlich auf die innere Verfassung aus. Zweitens wird aus ökonomischer Sicht vor allem der Grad des materiellen Wohlstandes thematisiert, aber auch etwa die damit zusammenhängende gesellschaftliche Organisation, was sich im Spannungsfeld zwischen ruraler und urbaner Lebensweise widerspiegelt.
Der dritte Bereich umfasst den Umgang mit den fremden Kulturen, auf welche die Mächte im Zuge ihrer imperialen Ausdehnung zwangsläufig stoßen. Obwohl die drei Faktoren stark miteinander zusammenhängen und jedes Imperium sich naturgemäß mit ihnen auseinandersetzen muss, sind die Ausprägungen und Intensitäten der einzelnen Bereiche doch von Fall zu Fall unterschiedlich, was sich entsprechend im politischen Diskurs niederschlägt. Dessen Analyse wird die Transformationen explizit machen, welche das Dekadenzmotiv seit der Antike und in ständigem Bezug auf diese durchgemacht hat, geprägt vom paradoxen Versuch, dem oftmals als unausweichlich angesehenen Verfall dennoch zu entrinnen.
