Wissen und Imagination: Venus-Bilder in der Renaissance



 

Teilprojektleiter: PD Dr. Peter Seiler (Kunstgeschichtliches Seminar)

Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen: Dr. Ursula Rombach, Anna Heinze M.A., Dr. des. Tatjana Bartsch (kooptiert)

 

Unterprojekt 1: Rezeption und Wissen. Venuskonzepte in mythographischen und antiquarischen Texten und Bildern (PD Dr. Peter Seiler, Dr. Ursula Rombach, Anna Heinze)

Unterprojekt 2: Adaption und Imagination. Bildkünstlerische und literarische Funktionalisierung und Differenzierung von Venus-Bildern (PD Dr. Peter Seiler, Dr. Ursula Rombach, Anna Heinze)

 

Ziel des Teilprojekts ist die Rekonstruktion transformativer Prozesse bei der literarischen und bildkünstlerischen  Darstellung der heidnischen Liebesgöttin Venus. Durch die imaginative Aneignung paganer Objekt- und Wissensbestände entstanden positiv und negativ konnotierte, teilweise mit unterschiedlichen Veneres assoziierte Venus-Bilder, die für die Genese profaner, mythologischer Bildgenres und imaginärer, mythopoetischer Bildwelten der Renaissance von zentraler Bedeutung waren und mit denen Schwerpunktthemen zeitgenössischen höfischen Lebens wie Liebe und Sexualität, weibliche Schönheit und ästhetische Ideale reflektiert wurden.

Im ersten Unterprojekt werden Kontinuität und Transformation der Kernbereiche mythographischer und antiquarischer Wissensbestände zu Mythos, Ikonographie und Kult der antiken Liebesgöttin erschlossen, die Elemente des Konstruktionsprozesses antiker Referenzkultur bildeten und zugleich als Hintergrund und Grundlage der anschließend im zweiten Unterprojekt behandelten bildkünstlerischen und literarischen Funktionalisierung und Differenzierung von Venus-Bildern dienten. Fokussiert werden drei Referenzbereiche, die als Ausgangspunkt der transformativen Konstruktion von Venuskonzepten in Betracht kommen und deren Bearbeitung kunsthistorische und literaturwissenschaftliche Kompetenzen erfordert: Die Venus betreffende materielle Hinterlassenschaft der Antike, Erwähnungen und Ekphraseis von Venus-Bildern in der antiken Literatur und antike und spätantike Referenztexte, die mythologisch-mythographisches Wissen vermitteln. Die illustrierten Handschriften, deren Untersuchung eine zentrale Rolle zukommt, sollen nicht nur auf den Anteil der Bilder am Prozess der Wissensvermittlung und der Ausprägung eines ikonographischen Repertoires von Venuskonzepten, sondern auch auf ihre jeweilige, das Lesen als »visuelle Erfahrung« konstituierende Text-Bild-Relation hin befragt werden. Untersucht wird, ob und inwieweit Transformationsprozesse, die in innovativen Bildfindungen und neuen imaginativen Mythologemen der Venus mündeten, in der Interdependenz von Text und Bild auf außerliterarische, objektreferentielle Wissensbestände zugriffen und damit im Zuge einer zumeist allegorisch fundierten ethischen Selbstpositionierung eine neue antike Liebesgöttin schufen, die wiederum zum Ausgangspunkt weiterer Transformationen wurde.

Im zweiten Unterprojekt werden die im 15. Jahrhundert neu entstehenden mythologischen Bildkünste als Fortsetzung und Erweiterung dieser Transformationsprozesse verstanden und anhand der Funktionalisierung und Differenzierung von Venus-Bildern exemplifiziert. Bedingt durch neue Funktionszusammenhänge erfolgt die Generierung neuer Bildformen, die sich durch vermehrte Adaption antiker Bildwerke, intensivierte Aktualisierung mythographisch-literarischer Wissensbestände und darauf basierende imaginativ-kreative Bildfindungen auszeichnen. Der Interessenschwerpunkt des Unterprojekts liegt vor allem bei mythopoetischen Phänomenen der Imagination. Auf der Basis von zwei Materialschwerpunkten, die sich aus den beiden künstlerischen Zentren Venedig und Florenz ergeben, werden die bildkünstlerischen Ausprägungen von Venuskonzepten als durch lokale Aufnahmekulturen differenzierte Transformationsprodukte in den Blick genommen. Besonderes Augenmerk richtet sich neben Einzelfiguren auf narrative Darstellungsmodelle in Bild und Text. In diesem Zusammenhang ist die Ausdifferenzierung unterschiedlicher Modi der Aneignung und Transformation antiker Überlieferungsbestände in methodisch kontrollierte antiquarisch-archäologische Verfahren und primär kreative bildkünstlerische und literarisch-poetische Verfahrensweisen zu beachten. Hier gilt es wissenschaftsgeschichtliche, kunsthistorische sowie literaturgeschichtliche Forschungsansätze unter vergleichenden Gesichtspunkten zusammenzuführen.