Literarische Transformationen der Antike im Jahrhundert nach dem Tod Goethes
Teilprojektleiter: Prof. Dr. Ernst Osterkamp (Institut für deutsche Literatur)
Wissenschaftliche Mitarbeiter: Dr. Martin Dönike, Timm Reimers M.A., Dr. Alexander Nebrig (Grundausstattung)
Obwohl der Versuch der Weimarer Klassik, zu einer Erneuerung von Kunst und Kultur durch den formalen und thematischen Anschluß an die Kunst der Antike zu gelangen, faktisch schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts gescheitert war, haben die normsetzende Kraft der klassischen deutschen Literatur, das neuhumanistische Bildungsprogramm, die universitären Altertumswissenschaften wie auch die großen kunstarchäologischen Entdeckungen des 19. Jahrhunderts dafür gesorgt, daß die Antike auch in dem Jahrhundert nach dem Tod Goethes in Kunst und Literatur beständig präsent geblieben ist. So nachdrücklich das Bürgertum auch seine Realismusansprüche an die Kunst formulieren mochte, so entschieden behielt es doch auch seine Idealitätsansprüche bei und verband sie nach wie vor mit der Kultur der Antike. Dies erklärt die trotz Romantik und Realismus weiterhin zu konstatierende Omnipräsenz der Antike in allen Kunstformen der Zeit: in Lyrik und Drama, aber auch im Roman, in Skulptur und Malerei und nicht zuletzt in der Oper. Allerdings gestalteten sowohl die rasch voranschreitende Verwissenschaftlichung der Antike als auch die damit einhergehende historistische Entidealisierung das Verhältnis der Künste zur Antike prekär: Die von den an Universitäten und Akademien nunmehr fest etablierten Altertumswissenschaften hervorgebrachte Evidenz der Überlieferung schränkte die künstlerische Imagination ein und ersetzte das Ideal durch den geschichtlichen Alltag.
Ziel des Teilprojektes ist es, den Transformationsprozeß zu rekonstruieren, den die klassische Antike im Jahrhundert nach dem Tod Goethes durchlaufen hat. In zwei Unterprojekten werden die literarischen Reaktionen auf den sich im Laufe des 19. Jahrhunderts immer deutlicher abzeichnenden Widerspruch zwischen der idealen Gegenbildlichkeit der Antike einerseits und ihrer Entidealisierung im Zuge ihrer Verwissenschaftlichung andererseits untersucht.
