Der differente Gott. Konstruktionen des Dionysos in der Moderne



 

Teilprojektleiterin: Prof. Dr. Renate Schlesier (Institut für Religionswissenschaft, Freie Universität Berlin)

 

Wissenschaftliche Mitarbeiter: Dr. des. Roberto Sanchiño Martínez, Oliver Leege M.A.

 

Unterprojekt 1: Religionshistorische Konstruktionen des Dionysos und die moderne Kultur (Prof. Dr. Renate Schlesier, Oliver Leege)

 

Unterprojekt 2: Literarische Konstruktionen des modernen Dionysos (Roberto Sanchiño Martínez)

 

Dionysos ist der emblematische Gott modernistischer Antike-Transformationen. Kein antiker Gott hat die Moderne stärker fasziniert als Dionysos. Vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis heute ist er in den wissenschaftlichen Diskursen, in den Künsten und sogar in der populären Kultur weitaus präsenter als alle übrigen Figuren der antiken Kult- und Mythentradition. Innerhalb der modernen Wissens- und Darstellungsformationen erscheint Dionysos vorwiegend als untypisch für die antike Kultur, als Ausnahme, ja als Instanz einer Differenz, die die Moderne antizipiert.

Die unübersehbare Präsenz des Dionysos in der modernen Antikerezeption ist mittlerweile Gegenstand eines sich zunehmend erweiternden Forschungsfeldes. Dabei sind jedoch zwei hypothetische Aspekte bisher noch nicht integrativ erforscht worden: erstens, daß der moderne Dionysos möglicherweise weniger ein Rezeptionsphänomen, sondern eher eine moderne Konstruktion ist, der kein entsprechendes antikes Modell zugrunde liegt, und zweitens, daß der moderne Dionysos in den Dienst der Konstruktion moderner Kultur selbst gestellt wurde.

Im Teilprojekt wird zudem die These überprüft, dass der Bezug auf Dionysos es modernen Religionshistorikern und Literaten erlaubt, von geschichtsphilosophischen Modellen Abstand zu nehmen. Zugleich ist der auffälligen Multifunktionalität der religionshistorischen und literarischen Rekurse auf Dionysos für politische Radikalismen gegensätzlicher Couleur sowie der Zirkulation zwischen visuellen Medien und wissenschaftlichen bzw. literarischen Transformationen nachzugehen.

Während in der ersten Förderperiode das Verhältnis von Wissenschaft und Kultur, die Bedeutung der religionshistorisch orientierten, altertumswissenschaftlichen und literarischen Dionysos-Auffassungen für die Konstruktion zunächst antiker, aber auch moderner Kultur untersucht wurden, widmet sich das Teilprojekt in der laufenden Förderperiode nicht allein den Unterschieden zwischen Religionsgeschichte und Literatur in Rhythmik, Akzentuierung und Geltungsansprüchen, sondern auch den dabei auftretenden Wechselwirkungen und Parallelismen. Dies geschieht weiterhin methodisch im Rahmen einer Arbeitsteilung und Vernetzung zwischen den beiden Unterprojekten. Gefragt wird danach, ob die Abkehr von legitimatorischen Ursprungskonstruktionen mit einer neuen, spezifisch modernen Zeitvorstellung zusammenhängt, bei der einerseits das intensiv Präsentische und andererseits das nicht mehr humanistisch gefasste Anthropologische gegenüber antiquarischem Wissen und normativem Rekurs auf die Tradition favorisiert wird. Um dies spezifischer zu fassen, werden im Teilprojekt jetzt auch politische sowie intermediale Kontraste und Komplemente miteinbezogen.